Kleine Wichtel, große Wirkung

Presse - Veranstaltungen

Artikel im Paulinus, Nummer 50 · 12. Dezember 2010

Tobias Wlhelm

Kindern in fremden Ländern mit Selbstgebasteltem beschenken, andere Kulturen kennenlernen, Gutes tun und den fairen Handel unterstützen: Das erlaubt die kirchliche Initiative „Weltweit wichteln“ – nicht nur im Advent.Kinder bemalen Puppen

Kunterbunt geht es zu „Am Sonnenhang“ in Bergweiler: In der Kindertagesstätte mit dem schönen Namen werden 60 schlichte helle Handpuppen mit Kreativität und der Hilfe der Erzieherinnen einer farbenfrohen Schönheitskur unterzogen: Während die Jüngsten die gut 20 Zentimeter hohen Stoffsäckchen in flüssiges Rot tauchen und ihnen durch glitzernde Augen, Nasen, Haaren und Herzchen lustig Leben einhauchen, sind die älteren Kinder mit Stoffkleber und Malstiften zugange.

Sie beschriften die „Wichtel“ und nähen Perlchen an – jedes Exemplar ein mit Liebe und Sorgfalt erstelltes Unikat. Und doch wissen die Kleinen, dass sie sich bald von den Püppchen wieder trennen müssen – schweren Herzens zumeist, aber mit gutem Gewissen. Denn was in dem Kindergarten in der Nähe von Wittlich zu Adventsbeginn vonstatten geht, ist keine Bastelei wie jede andere, sondern ein Teil der kirchlich getragenen Aktion „Weltweit wichteln“, an der mehr als 50 Länder beteiligt sind.

Keine Einbahnstraße – sondern ein Austausch


Die Idee: Die Kinder hierzulande informieren sich mit altersgerechten Materialien über das oft schwierige Leben in anderen Länder und Kulturen. Für 2,50 Euro pro Stück können sie – am besten in einem „Weltladen“, in dem sie zugleich von der  Idee des fairen Handels erfahren können – die Stoffsäckchen kaufen, die in Indien von körperbehinderten Frauen genäht werden. Die individuell gestalteten Wichtel werden mit Briefchen, Fotos und Informationen zur Aktion versehen und, wo möglich, über lokal bestehende Kontakte und Partnerschaften zu Altersgenossen in aller Welt verschickt – die sich wiederum mit landestypischen Kleinigkeiten erkenntlich zeigen können. Konsumgüter, wie sie etwa bei
„Weihnachten im Schuhkarton“ (siehe unten) im Vordergrund stehen, sind dabei nicht erwünscht:

 

„Es soll eine Begegnung auf Augenhöhe sein – keine Einbahnstraße, sondern ein echter Austausch“, erklärt Werner Bühler vom Weltladen in Wittlich, der „Weltweit wichteln“ unterstützt. Der pensionierte Pastoralreferent, der dem „Entwicklungspolitischen LandesnetzwerkRheinland-Pfalz“ (ELAN) vorsteht, engagiert sich seit Jahrzehnten für den fairen Handel und mehr  Nachhaltigkeit – ein Wort, dass auch im Kindergarten Bergweiler großgeschrieben wird. Mit Walburga Spang gibt es in der kommunalen Einrichtung eigens eine von der Gruppenarbeit freigestellte „Fachkraft für nachhaltige Entwicklung“, die den Kindern und Eltern mit immer neuen Ideen zeigen möchte, dass  man die Welt – zumindest ein wenig – zum Guten verändern kann. 2009 wurde ein aufwändig  gestaltetes Afrika-Projekt der Tagesstätte mit dem Preis der „Lokalen Agenda Trier“ ausgezeichnet. „Wir wollen, dass die Kinder über den Tellerrand blicken, dass sie teilen lernen und dass sie sensibel werden für andere Kulturen“, erklärt Spang.

Aufmerksam geworden auf die Aktion „Weltweit wichteln“ – zu deren Initiatoren neben vielen evangelischen Einrichtungen auch die von der katholischen Kirche mitgetragene „Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt“ (Gepa) gehört – sind Spang und Kindergartenleiterin Silvia Benz über die Landeszentrale für Umweltbildung.

Zuerst im Weltladen über fremde Länder informiert

Die Stoffsäckchen holten sie bei einem Abstecher in den Weltladen ab, wo sich 13 Kindern  zwischen vier und sechs Jahren von den vielen Produkten aus aller Welt faszinieren ließen – Schokoladenverkostung inclusive. Auf einer Weltkarte verfolgten sie, welche Strecke die Waren auf dem Weg nach Wittlich zurückgelegt haben: „Oh, das ist aber weit!“, staunten die Kleinen dabei  nicht schlecht.
Ein Großteil der fertigen Püppchen wird sich Mitte Dezember auf die Reise nach Haiti begeben – Bekannte vom Koblenzer Hilfswerk „Help a Child“, das in der Karibibk tätig ist, bringen sie persönlich in das von Erdbeben, Seuchen und Armut gebeutelte Land. Begleitet werden die Wichtel von Spenden für Hilfsmaßnahmen vor Ort – dafür haben die Betreuerinnen zusammen mit den Eltern eigenhändig Marmelade gekocht und auf dem Weihnachtsmarkt verkauft.
Weitere Exemplare sollen sich, ebenfalls über persönliche Kontakte, auf den Weg nach Burkina Faso und Kenia machen. „Da sind die Menschen zwar meist bettelarm sind, haben aber oft ein Herz voller Liebe“, erklärt Silvia Benz.

Begleitend zu den Bastelarbeiten haben sich die größeren Kinder auch mit der Lebenssituation in den Empfängerländern beschäftigt. Sie wissen, dass es ihren dortigen Altersgenossen materiell in aller Regel nicht so gut geht. Dass die so liebevoll gestalteten Wichtel an Kinder gehen, die  sonst nicht so viel zu lachen haben, hilft über den  „Trennungsschmerz“ hinweg: „Es ist schön, anderen eine Freude zu machen – und ich habe genug Spielsachen“, erklärt die fünfjährige Enya. Und der ein Jahr ältere Jonas verspricht, sich mit seiner Puppe noch ganz viel Mühe zu geben, ehe sie „in arme Länder geschickt“ werde. Blonde Haare soll sie kriegen – „das steht schon mal fest!“.

Gestartet ist „Weltweit wichteln“ vor gut sieben Jahren als Adventsinitiative – doch längst läuft die Aktion das ganze Jahr über, und auch in islamischen Ländern machen Kinder mit. „Der Bildungsarbeit kommt heute eine große Bedeutung zu“, erklärt Sprecherin Carolin Starz, die von 8000 verkauften Wichteln pro Jahr spricht. Seine christlichen Wurzeln verleugnet „Weltweit wichteln“ nicht – wer will, kann etwas über Weihnachtsbräuche weltweit erfahren oder bekommt,  etwa mit passenden Bibeltexten, Hilfe bei der Gestaltung religiöser Impulse. Auch in Bergweiler ist die Aktion an Weihnachten nicht vorbei. Sie ist, passend zum Gedanken der Nachhaltigkeit, auf  Dauer und idealerweise den Aufbau von Partnerschaften angelegt. Silvia Benz: „Und im Frühjahr  wollen wir einen Kindergottesdienst organisieren – mit der Idee bin ich bei den Eltern auf offene  Ohren gestoßen!“

Um „Weltweit wichteln“, das bisher vor allem im süddeutschen Raum verbreitet ist, auch in unserer Region bekannter zu machen, will ELAN die Aktion im kommenden Jahr bei einem Workshop für Erzieherinnen und andere Interessierte näher vorstellen.

Info

Ausführliche Materialien, Hintergründe, Ideen und Bezugsadressen gibt es im Internet auf der Seite: www.weltweit-wichteln.de.
Eine Verknüpfung von kulturellem Austausch, konkreter Hilfe und fairem Handel bietet seit 2009 auch die Initiative „Weihnachten weltweit“, die von Adveniat, dem Kindermissionswerk und Misereor getragen wird. Dabei werden fair gehandelte Holzkugeln aus Ecuador von  Kindern hierzulande zu Christbaumschmuck umgestaltet und zugunsten von  Entwicklungsprojekten verkauft. Dieses Jahr wurden mehr als 5000 Kugeln verschickt – auch an 22 Einrichtungen im Bistum Trier. Näheres unter www.weihnachten-weltweit.de.

 

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